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Flucht aus dem Büro auf 2727 Meter: Wie man ohne Hotel schläft und unter der Marmolata in einer Blechhütte biwakiert

Diese Frage kennen wir alle: Im Kalender leuchtet ein gesetzlicher Feiertag im Mai, im Kopf brennt die Sehnsucht nach den Bergen und vor einem steht das Dilemma, wie man das Maximum aus einem verlängerten Wochenende herausholt. Der Böhmerwald ist zwar schön, aber wenn man mehr will – weiter weg und vor allem höher –, bedeutet das, sich ins Auto zu setzen und sechs bis acht Stunden Fahrt in Kauf zu nehmen. Erst am Freitagmorgen losfahren? Zeitverschwendung. Am Donnerstag direkt nach der Arbeit aufbrechen? Dann kommt man um Mitternacht an, und mit einer Buchung für nur eine Nacht schicken einen die meisten Hoteliers verständlicherweise weg.

Wir haben das auf unsere Weise gelöst und einen unabhängigen Roadtrip in die Dolomiten geplant. Am Donnerstagnachmittag klappten wir die Laptops zu, warfen die Rucksäcke in den Octavia und fuhren los. Unsere Geheimwaffe? Ein eigener Schlafausbau fürs Auto, der den Kofferraum in ein komfortables Schlafzimmer auf Rädern verwandelt. In den Stauraum unter den Matratzen packten wir die schweren Bergstiefel, den Kocher, Wasser und Essen, warfen Rucksäcke und Schlafsäcke auf die Matratzen und fuhren los. Kein Stress mit dem Check-in, keine Rezeption – einfach die pure Freiheit des Reisens mit dem Auto am verlängerten Wochenende.

Gegen Mitternacht, nach knapp acht Stunden auf der Autobahn, parken wir am Lago Antorno. In der Hauptsaison ist von hier aus die Mautstraße bis ganz nach oben zum Rifugio Auronzo unter den ikonischen Drei Zinnen geöffnet, aber im Mai liegt sie noch unter einer dicken Schneedecke. Unten auf dem Asphalt stehen nur wenige Autos. Die Luft ist eiskalt, scharf und klar. Wir bringen die Thermomatten an den Fenstern des Skoda Octavia an, kriechen in die Schlafsäcke und schlafen innerhalb von fünf Minuten ein. Wenn man das Wildcampen im Auto testet, sind Diskretion und Wärmekomfort das A und O.

Kaffee, Kurven und die Ruhe vor dem Sturm

Am Morgen wachen wir erst gegen 8 Uhr auf – und trotzdem ist es dunkel? Diese Thermomatten für die Autofenster funktionieren fast schon zu gut. Ich ziehe sie von den Scheiben, und sofort flutet die Morgensonne das Auto. Sie beleuchtet die gewaltigen Felswände, die sich auf der Spiegeloberfläche des Sees reflektieren. Dank der kompletten Verdunkelung der Autofenster zum Schlafen haben wir königlich geruht. Die faltbare Matratze für den Kofferraum sorgte dafür, dass uns nach acht Stunden hinter dem Lenkrad nicht der Rücken wehtat.

Ein kurzer Spaziergang am Ufer, um die steifen Beine aus dem Auto zu lockern, und schon geht es hinunter nach Cortina d’Ampezzo. Ein Café finden, einen Cappuccino bestellen, ein knuspriges Croissant genießen und einfach ein bisschen in der Sonne sitzen. Italien, wie es sein soll.

Die Erkundung des Schlafens im Auto in Italien ausgerechnet im Mai anzugehen, hat einen riesigen Vorteil: Es ist Nebensaison. Für jeden, der das Autofahren liebt, ist das das reinste Paradies. Wir passieren Bergpässe wie das Passo Falzarego, Passo Valparola und Passo Pordoi – Strecken, die im Sommer von Wohnmobilen und Radfahrern verstopft sind, sind jetzt fast menschenleer. Der Octavia ist zwar kein Rennwagen, aber mit dem 2.0 TSI-Motor ist es eine wahre Freude, durch die menschenleeren Serpentinen zu ziehen, wo die Reifen in den engen Kehren ab und zu leicht quietschen. Das zaubert jedem Fahrer ein Lächeln ins Gesicht.

Über Canazei fahren wir in das abgelegene Dörfchen Alba-Penia. Es ist kurz nach Mittag, wir parken, ziehen die schweren Stiefel an und packen die Rucksäcke. Das Ziel? Das Bivacco Marco Dal Bianco zu finden und dort zu übernachten – ein roter Blechcontainer, der direkt unter der Südwand der Marmolata in den Fels geschraubt ist. Die Karte spricht eine klare Sprache: 8 Kilometer, 1228 Höhenmeter und rund viereinhalb Stunden strammer Aufstieg.

Eine Entscheidung am Limit und ein verschwindender Weg

Der Anfang ist unbarmherzig. Der breite Waldweg steigt in steilen Kehren an, und die Beine wissen sofort, dass ihnen heute einiges abverlangt wird. Doch dann öffnet sich der Wald und die Landschaft wird weit. Wir stehen vor einem riesigen, wilden Flussbett voller weißer Kieselsteine. Das Wasser breitet sich flach aus, also lassen wir das Navigationsgerät beiseite und gehen direkt durch das Bett. Um uns herum herrscht absolute Stille, der Weg steigt hier nur mäßig an und lässt uns Zeit, den Himmel zu beobachten.

Die Vorhersage hatte zwar Gewitter gemeldet, aber in den Bergen ist das immer ein Glücksspiel – auf der einen Seite scheint die Sonne und hinter dem nächsten Grat kann es schon schneien. Über uns ziehen schwere, tintenschwarze Wolken auf, zwischen denen ab und zu ein Sonnenstrahl hervorblitzt. Die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt.

Der Wendepunkt kommt an der Hütte Rifugio Contrin. Hier treffen wir auf die letzte Gruppe von Menschen, die auf dem Rückweg nach unten sind. „Oben liegen riesige Schneefelder, der Weg ist nicht mehr zu sehen“, warnen sie uns. Ein kurzer Blick auf die Uhr: Wenn wir jetzt umdrehen, laufen wir im Dunkeln zurück zum Auto. Wenn wir weitergehen und uns oben das Gewitter erwischt, haben wir ein Problem. Doch die Lust auf Abenteuer gewinnt. Wir gehen weiter.

Das grüne Gras verschwindet endgültig, wir bewegen uns nur noch auf grauem Gestein und Geröllfeldern. Als wir uns über den ersten großen Horizont gekämpft haben, verstehen wir, warum die anderen umgekehrt sind. Ein markierter Weg existiert nicht mehr. Vor uns liegt ein riesiges Schneefeld, das sich mit rutschigem Schotter abwechselt. Über unseren Köpfen schließt sich der Himmel endgültig und die Marmolata hüllt sich in dichten, weißen Nebel. Laut Karte sind wir nah dran. Jeder Schritt nach vorn fühlt sich an wie ein halber Schritt zurück – der Schotter gibt unter den Füßen nach, ab und zu brechen wir bis zu den Knien im nassen Schnee ein.

Und dann passiert es. Zwischen zwei scharfen Felsmassiven blitzt ein kräftiges Rot auf. Das Bivacco Marco Dal Bianco. Am Ende haben wir lange 8,5 Stunden gebraucht, aber wir sind da.

9 Quadratmeter und ein zerknittertes Croissant

Eine Blechhütte im Windschatten der Felsen, umgeben von Schnee auf einer Höhe von 2727 Metern über dem Meeresspiegel. Drinnen erwartet uns asketischer Luxus – auf rund neun Quadratmetern drängen sich neun Pritschen und ein Tisch. Auf den oberen Betten liegen bereits zwei weitere Besucher in ihren Schlafsäcken, sodass wir heute Nacht zu viert in der Hütte sein werden. Wir zünden den Gaskocher an, wärmen unser AdventureMenu auf und öffnen zu dieser bergigen Improvisation eine Flasche roten Primitivo, die wir im Rucksack hochgeschleppt haben. Der Wein klingt im Blechbecher, wir schließen die Daunenschlafsäcke und fühlen uns einfach großartig.

Der Morgen ist kurz. Die beiden anderen Schlafgäste brechen noch in der Dämmerung auf. Wir werfen den Jetboil an, kochen starken Kaffee aus der Mokkakanne und fischen das völlig zerknitterte Croissant aus Cortina aus dem Rucksack. Auf Fladenbrotgröße plattgedrückt, aber es schmeckt wie das Beste der Welt. Wir packen die Schlafsäcke ein, räumen auf und lassen den schweren Riegel des Biwaks hinter uns ins Schloss fallen.

Der Abstieg ist die reinste Belohnung. Statt uns wie gestern stundenlang mühsam durch das Geröll nach oben zu quälen, wählen wir eine andere Route – auf den Schuhsohlen rutschen wir den verschneiten Hang in wenigen Minuten hinunter. Als wir unten am Flussbett ankommen, scheint bereits die pralle Sonne. Dieser Ort hat es uns angetan. Wir werfen die Rucksäcke ab, ziehen die Bergstiefel aus und tauchen die müden Füße in das kristallklare, eiskalte Bergwasser. Um die italienische Idylle perfekt zu machen, packen wir den Kocher noch einmal aus und kochen uns mitten im Flussbett einen Vormittags-Espresso.

Gegen ein Uhr mittags sind wir zurück am Auto. Körperlich müde, aber im Kopf rattert es schon, wo es als Nächstes hingehen soll. Wenn man weiß, wie man komfortabel im Auto schläft, ist man an keine Hotelreservierung gebunden. Unsere Skoda-Automatratze im Kofferraum bedeutet hundertprozentige Freiheit. Wir haben keinen festen Plan für den nächsten Tag, sondern wollen uns ganz spontan nach Wetter und Laune entscheiden.

Wir setzen uns ins Auto, fahren für eine Pizza nach Canazei und überlegen, wo wir die nächste Nacht verbringen. Es sollte definitiv noch ein Stück höher hinausgehen! Aber davon erzählen wir das nächste Mal.

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